Grand Capucin: Schweizerführe mit O-Sole-Mio-Ausstieg
Klassiker-Kombination am Grand Capucin, traumhafter Granit über der Vallée Blanche.


Unser Chamonix-Urlaub sollte noch einmal einen ordentlichen Abschluss bekommen. Nachdem wir mit Maxi auch einen zweiten Vorsteiger am Start hatten, fiel die Wahl letztendlich auf die Grand Capucin. Die Schweizerführe ist die nominal leichteste Tour in der Südwand. Blogs/Topos fahren unterschiedliche Schwierigkeiten auf, aber irgendwo im Bereich 6b+ muss man schon mal klettern. Wir entschieden uns, im oberen Teil in die ‘O Sole Mio’ abzubiegen, da wir eher mittelmäßig Lust auf die A0-Haken-Zieh-Aktion im oberen Teil der Schweizerführe hatten, und mit diesem Link-up kann man diese ganz gut umgehen. Laut Rockfax-Kommentaren scheint das auch die allgemein präferierte Variante mittlerweile zu sein.
Ursprünglich startete die Schweizerführe mal über ein einfaches Couloir auf der linken Seite. Mittlerweile ist das vermutlich — dank Klimawandel — nur noch im tiefsten Winter/früh in der Saison möglich, und man startet stattdessen in der Mitte der Wand mit einer Querung. Die sollte noch niemanden vor Probleme stellen (max. 5b/c), aber fügt der Unternehmung noch einmal ca. 6 Seillängen hinzu. Damit wird die Tour insgesamt für eine Seilbahn-Seilbahn-Tagestour für die meisten Seilschaften (inklusive uns) zu lang (vor allem da man an guten Tagen definitiv mit Stau in der Route rechnen muss).
So kommt es, dass wir — Franzi, Maxi und ich — Mittwoch Nachmittag bei gefühlten 38 Grad in Courmayeur den Rucksack schultern und eine der letzten Bahnen hinauf zum Helbronner nehmen. Am Rifugio Torino wird dann wie gewohnt die Gletscherausrüstung angezogen und im T-Shirt gemütlich in ca. 50 min rüber zum Bivak gewandert. Weder der Weg noch das Bivak sind schwer zu finden — man folgt dem ausgelatschten Weg Richtung Aiguilles d’Entrèves und wir biegen dann zur bereits von Weitem sichtbaren Grand Capucin ab. Von Weitem konnte man schon ±12 Zelte sehen und wir sahen uns schon morgen ein Ticket am Einstieg ziehen, und wir einigten uns darauf, noch früher als geplant aufzustehen, um zumindest vor den ersten Seilschaften aus der Torino-Hütte zu starten.


Zeltaufbau am Bivak im Hintergrund die Grand Capucin
Beim Zeltaufbauen schwitzen wir noch ordentlich, aber sobald die Sonne hinter der Grand Capucin verschwunden war, wurde es auch schnell frisch und wir verkrümelten uns in unseren Schlafsäcken. Der donnernde Steinschlag des gegenüberliegenden, langsam auseinanderfallenden La Tour Ronde begleitete uns in den Schlaf.
Punkt 5:00 Uhr klingelte der Wecker. Es war dunkel und arschkalt, aber hilft ja nichts. Wir schälten uns aus den Schlafsäcken und nach einem ausgewogenen und gesunden Frühstück (2 halb gefrorene Schokobrötchen) marschierten wir Richtung Einstieg. Ich hatte zwar noch keine Ahnung, wie wir bei der Kälte irgendwas festhalten sollten, aber hilft ja nichts. Nach 20 min standen wir am Einstieg und machten uns fertig. Der Bergschrund war in der Mitte der Wand kein Problem und es gibt sogar einen kleinen Absatz mit Seilen, an dem man sich fertig machen und Pickel/Steigeisen etc. deponieren kann. Just als wir starteten, gesellte sich noch eine zweite österreichische Seilschaft zu uns, und so langsam trudelten auch weitere Seilschaften ein, was den Start auf dem Plateau ein bisschen hektischer gestaltete. Am Ende stellte sich jedoch heraus, dass keine Seilschaft die Schweizerführe klettern wollte, und wir quasi mit den Österreichern allein in der Tour waren — Glück gibt’s!


Die Südwand vom Wandfuß aus — in grün der ungefähre Routenverlauf, blau der originale Zustieg, orange der ehemalige Start der Route und rot der Abseilverlauf
Als Maxi in die erste Länge startete, kroch die Sonne über den Horizont, und es wurde direkt richtig warm. Das sollte sich den ganzen Tag dann auch nicht mehr ändern und die Jacke diente nur noch als Sonnenschutz.
Unser Topo empfiehlt für die erste Länge, erst einmal einfach gerade hoch über einen Zacken zu klettern und dann leicht abzusteigen (5a), aber Maxi ignoriert das gekonnt und nimmt stattdessen die Direktvariante durch einen Querriss in Angriff. Das ist zwar auch gut möglich, aber mit ca. 6a gleich mal ein ordentlicher Kaltstart.


2. Seillänge — einfache Querung im Morgenlicht.
Danach folgt eine kurze Querung, bevor es dann deutlich leichter wird. Immer links ansteigend quert man nun links an einem Überhang vorbei. Es kommen immer wieder Stände, und als Dreier-Seilschaft sichern wir auch durch, aber prinzipiell lässt sich hier auch sehr gut am laufenden Seil gehen. Das tun auch die Österreicher und wir lassen sie erst mal vorbei. Nachdem man den Überhang links passiert hat, geht es — ohne zwingende Linienführung — in drei weiteren Seillängen gerade hoch.


3. Seillänge — auf dem Weg zum eigentlichen Einstieg der Schweizerführe.


In der vierten Seillänge — im Hintergrund ist die Verschneidung bereits zu sehen.
Nun steht man am eigentlichen Start der Tour und die Kletterei steilt signifikant auf und wird auch deutlich interessanter. Man hat nun die Wahl zwischen zwei Rissvarianten. Die Direktvariante ist mit 6b bewertet, der Linksschlenker mit 6a — beide enden auf einem kleinen Absatz. Wir entscheiden uns für die subjektiv schönere Direktvariante entlang eines perfekt geraden Risses. Man merkt deutlich die höheninduzierte Anstrengung, aber ansonsten stellt uns diese Länge vor keine größeren Probleme.


Maxi in der Direktvariante der 7. Seillänge. Alternativ kann man auch links ausweichen.
Anschließend wird es wieder leichter und wir folgen dem offensichtlichen Routenverlauf entlang der Verschneidung. Hier konnten wir sogar die nächsten zwei Seillängen zusammenhängen — was sich aber wirklich mit 60 m Seilen gerade so ausgeht.


Seillänge 8, in der Verschneidung
Kurz vorm Ende der Verschneidung gibt es einen Stand, sowie einen weiteren für die ‘O Sole Mio’ auf einem Absatz links um die Ecke. Der ist deutlich geräumiger und lässt Platz zum Umbinden — ab jetzt steig ich weiter vor. Ohne Rucksack, aber dafür mit Cams behangen wie ein Weihnachtsbaum, steig ich vom gemütlichen Stand wieder in die Verschneidung zurück. Es empfiehlt sich hier, ein bisschen cleveres Seilmanagement zu betreiben und eventuell erst am Ende der Verschneidung Gear zu legen. Hab ich natürlich nicht gemacht, und so hat die erste Vorstiegslänge für mich gleich mal ordentlichen Seilzug. Man bleibt hier nun immer an der Kante und widersteht der Versuchung, nach ca. 20 m links zum guten Stand der ‘O Sole Mio’ auszuweichen. Stattdessen geht man noch ca. 15/20 m weiter, bis rechts um die Ecke ein Hängestand kommt.
Nun folgt ein perfekter, aber auch sauschwerer Handriss — meiner Meinung nach deutlich schwerer als der 6b-Riss weiter unten, und mir laufen ordentlich die Arme zu. Die Schweizerführe biegt nun nach rechts in das Dach ein, und das Hakenziehen beginnt. Ich biege dagegen links ab und quere in leichtem Gelände rüber zum Stand der ‘O Sole Mio’. Die Sonne ist noch nicht bis rum gewandert, und so wird es direkt richtig kalt.


Seillänge 11 — der Handriss, für mich die eigentliche Schlüsselstelle der Tour.


Blick vom Stand am Ende von Seillänge 11, Franzi kurz vor dem Ausstieg in die O Sole Mio.
Nachdem ich Maxi und Franzi nachgeholt habe, geht es mit eiskalten Händen in die letzten Seillängen. Zunächst quert man wieder leicht nach rechts in eine mit Bolts abgesicherte Platte und folgt dem Riss bis zum Stand in einer Nische. Eine sehr schöne Länge, aber mit kalten Fingern war’s dann doch auch anspruchsvoller als 6a+ sein sollte.


Blick zurück in die 12. Seillänge
Nun geht es wieder nach links auf eine Platte (Bolts), welcher man gerade hoch zu einem Absatz folgt. Nun nicht — wie ich — nach links in leichtes Gelände queren, sondern weiter der Platte folgen. Ein letzter anspruchsvoller Zug ist nochmal mit einem Bolt gesichert, bevor man den Stand auf einem großen Absatz erreicht. Es folgen nun noch zwei leichte Längen (4a/c), die ich gut zusammenlegen konnte. Der letzte Stand befindet sich südseitig direkt am Anfang des Gipfelgrats.


Plattenquerung in der 13. Seillänge


Seillänge 14 & 15 — einfach rechts vom Zacken
Punkt 12:30 Uhr sitzen wir komplett allein auf dem Gipfel der Grand Capucin — was eine Tour, was ein Tag!


Punkt 12:30 Uhr, komplett allein auf dem Gipfel der Grand Capucin.
Aber wer hochgeht, muss auch wieder runterkommen, und in diesem Fall heißt das verdammt lang und steil abseilen. Die Topo zeigt eine Abseiloption, prinzipiell ist aber die gesamte Südwand mit Ständen durchgebohrt und vermutlich gibt es diverse Varianten, um runterzukommen. Allerdings sieht man die Stände nicht immer gleich, und so haben wir vermutlich das eine oder andere Mal zu kurz abgeseilt, und zu dritt dauert es eh immer länger. Am Ende brauchten wir jedenfalls viel länger als gedacht (> 2 h), und an den letzten Ständen fragten wir uns, ob unser Plan, die letzte Bahn nach Courmayeur zu nehmen, noch klappt.


Lange, steile Abseilpiste zurück zum Bivak.
Als wir dann also endlich unten angekommen waren, sprinteten wir zu den Zelten und packten alles schnellstmöglich zusammen. Franzi zog uns dann in Rekordzeit über den Gletscher zurück (45 min) und wir kamen komplett fertig kurz vor 16:30 Uhr an der Bahn an.
Na ja, es stellte sich dann heraus, dass die letzte Bahn um 17:30 Uhr geht, und wir mehr oder weniger umsonst gesprintet sind …
Insgesamt aber ein absoluter Traumtag — top Tour, Wetter, Bedingungen und natürlich Team.